INTERVIEW – HOLGER MÜNSTERMANN

[Auszug]

Holger Münstermann: … und so werden die Probleme von mir analysiert und zusammen mit dem Reiter die Lösung erarbeitet.

Redaktion: Jetzt aber mal etwas ganz anderes … Was war für Sie als aktiver Reiter beim Training ein grosser AHA-Moment?

HM: Das weiss ich noch ganz genau … Ich habe gerade Gabriella [Grillo – Anm. d. Red.] auf meinem 7-jährigen Ferano – der alle Grand-Prix-Lektionen beherrschte – gezeigt, was er so alles drauf hat, als sie mich plötzlich ausbremste und … leichttraben liess.

Redaktion: Das müssen Sie uns jetzt aber einmal etwas genauer erklären.

HM: Selbstverständlich. Jedoch würde ich dafür gerne etwas weiter ausholen … Einige Jahre zuvor sprach ich mit einem berühmten kanadischen Tierarzt darüber, dass Pferde im Freien nicht gerade aus laufen, sondern wie ein Schäferhund sich diagonal leicht fliehend nach vorne bewegen – die natürliche Schiefe. Bei manchen ist es eher nach Links ausgeprägt, bei anderen nach Rechts … bei einigen mehr bei anderen weniger. Dies ist wahrscheinlich bedingt durch die Lage des Embryos im Mutterleib. Ähnlich wie hinsichtlich der Rechts- und Linkshändigkeit beim Menschen.

Redaktion: Und was hat das nun mit dem Training von Frau Grillo zu tun?

HM: Ich wollte GP reiten und sie lässt mich einfach nur leichttraben (schmunzelt). Doch Leichttraben kann massgeblich die „gerade Richtung“ verbessern. Da es die „absolute“ gerade Richtung nicht gibt, erreichen wir deshalb leider nur eine „relative“ gerade Richtung – die man sich stets neu erarbeiten muss. Beim Leichttraben kann man vieles richtig, aber auch vieles falsch machen.

Redaktion: Wodurch definiert sich korrektes Leichttraben bzw. worauf muss man achten?

HM: Zuerst einmal: Das Leichtraben ist Teil der Aufwärmarbeit. Beim Leichttraben entlastet der Reiter in der Flugphase den Pferderücken und belastet beim Hinsetzen. Das Einschwingen ist der treibende Moment ist. Hierauf komme ich aber gleich noch einmal zu sprechen.

Laut den Richtlinien trabt man auf dem inneren Hinterbein leicht. Wie jedem bekannt, schaut der Reiter auf die äussere Schulter. Kurz bevor (!) diese aufhuft, sollte das innere Hinterbein das selbe tun. Zudem ist der Blick auf die äussere Schulter ganz wichtig um Takt und Rhythmus zu optimieren. Ich kann an ihr ablesen, wann ich einschwingen muss.

Ein häufiger Fehler ist nicht konsequent und taktmässig an den äusseren Zügel zu reiten. Sondern durch zu frühes stellen bzw. losmachen am inneren Zügel den Trab zu verschlechtern. Das Pferd kann so nicht ausschwingen und verliert an Raumgriff. Es ist jedoch wichtig, den Raumgriff zu erweitern. Daher mein Tipp: Die innere insbesondere die nicht dominante Hand immer wieder locker machen, damit sie sich nicht festzieht. Hier möchte ich Gabriella Grillo zitieren: “Die Hand lockern, als würde man Klavier spielen.“

Also … weg vom inneren Zügel … Augen bleiben auf der äusseren Schultern (besonders beim Handwechsel) … und dynamisch an den äusseren Zügel … jede Korrektur taktmässig im Vorwärts anlegen.

Redaktion: Das ist äusserst beeindruckend. Gibt es noch weitere Punkte mit Relevanz hinsichtlich des Leichttrabens?

HM: (lacht) Ich verrate Ihnen doch nicht alles … Sie können gerne Unterricht bei mir nehmen … 

Eine Sache möchte ich noch hinzufügen. Ein weiterer relevanter Aspekt ist die Gewichtsverteilung in beiden Steigbügeln. Auf geraden Linien sollte eine gleichmässige Gewichtsverteilung im Fussballen angesetzt werden. Unterstützend hierbei ist der gesteckte Oberkörper, der trägt. Hört sich leicht an … ist es jedoch nicht. „Wobei es hilfreich ist das Brustbein Richtung Decke zu schieben.“ (Zitat Willi Schultheis)

Abschliessend noch ein weiterer kleiner Tipp bezüglich des korrekten Leichttrabs: nur so hoch aufstehen, wie das Pferd einen aus dem Sattel hebt. Wer zu lange oben bleibt, landet zu spät … was dazu führt, dass der Schwung und die Dynamik verloren gehen, da das Pferd nicht ausfedern kann. Dies führt zu einer kurzen flachen Bewegung.

Also noch mal für Sie zum mitschreiben (lacht) … gutes Leichtraben = besserer Trab = stärkere Lektionen. 

Redaktion: Ich denke, ich sollte wirklich Unterricht bei Ihnen nehmen (lacht). Womit wir auch einen perfekten Übergang zum nächsten Thema haben. Der Weidenhof …